Casper - Lang lebe der Tod

Wortgewandt der Gesellschaft den Spiegel vorgehalten. (10/12)

"Da hat sich das warten doch gelohnt", mag so mancher Casperfan sagen, nachdem er nun etwa ein Jahr nach der geplanten Veröffentlichung die bissige Stacheldrahtscheibe in den Hänuden halten kann.

Der Anfang birgt kaum Überraschungen, hat er doch den starken Opener bereits vor einem Jahr auf dem Tablett serviert. Und er hält weiterhin die Magie und Power aufrecht, die er damals schon vermittelt hat. Lang lebe der Tod ist nicht nur Namens- und Gastgeber für viele Features sondern wirkt sehr persö und ausgefeilt. Das Lied verdient den Titel Kunstwerk, vor allem in Verbindung mit dem sehr starken Video.

Leider folgt darauf ein doch eher schwächerer Teil des Albums. Schnellere Rapparts finden hier ihren Platz. Die Lieder Alles ist erleuchtet, Keine Angst und die zweite Auskopplung Sirenen stehen im Schatten des Openers. Auch wenn schon deutlich wird, welche Auslegung dem Album inhaltlich gegeben wird. Die Echtzeit wird wiedergegeben, und überspitzt dargestellt, wobei man kurz merkt, dass es garnicht so abwegig ist. "Alle Linsen blitzen, BLicke sind gebannt, Grins so viel du kannst - alles ist erleuchtet. dort wo Licht am hellsten Leuchtet, werden Schatten immer länger, den meisten Platz findet Hass im Gedränge." Nachdem diese Strecke kurz überwunden ist, nimmt das Album an Qualität zu. Es bleibt experimentell zu verorten und Reiht sich in seine Diskografie ein, ohne einen Vergleich mit sich zu ziehen.

In Lass sie gehen rechnet Casper mit der aktuellen Musikszene ab, aber über einen anderen Weg, als Böhmermann und co. Gefeatured wird das Stück von Portugal the Man und bekommt so etwas rockig, groovigen Einfluss, der zu den Rap-Elementenpasst, die auf dem Klavier schon fast gesungen wirken. "Bin eingeladen, aber geh zu der Preisgala da nicht hin, will die scheiß Nazis garnicht sehen. Dann ohne mich... Bld mir keine Meinung aus dieser Zeitung, die von Verleugnungen lebt, nein zum Teufel mit denen." Seine Wortwahl wirkt direkter als auf den Alben davor. Es klingt nach viel Wut über das was gerade in der Welt vor sich geht. An dieses Lied reiht sich auch Morgellon ein. Mit viel Kraft nach vorn ist es eine geniale Darstellung von Personen die in Ihrer Echokammer verloren gehen. "In meiner kleinen Blase mach ichs mir bequem, nur Nachrichten die ich mag in meinem Feed. Interessante Kommentare die man liest, meine Wahrheit reicht von hier bis einmal um den Kiez, da kommen Gifte vom Himmel und im Wasser das du trinkst, die sammeln Info geschickt in Personalausweisen drin. Langeweile die ganze Zeit, mein Arbeitsplatz ist hin. Schuld an allem - ist klar - ganz einfach die Politik. In so kurzen Punkten zusammengefasst, was Trump- aber auch Pegidaanhänger für ein Weltbild haben. Traurig, wie echt dieser Text ist. Er ist eine sehr genaue Beobachtung und Darstellung von "Meinungen" oder "Standpunkten", die sich in der Gesellschaft entwickelt haben. Musikalisch erzeugt er duch eine schnarzende, elektronische Basslinie den nö Druck um diesem Text einen Rahmen zu geben.

Zwei alte Casperstücke haben Geschwister bekommen. Michael X ist eindeutig verwandt mit Deborah Und Kontrolle/Schlaf ist nicht weit weg von Flackern, flimmern

Anspieltipp

Morgellon, Deborah, Meine Kündigung



Tracklist:

1) Lang lebe der Tod: 11/12

2) Alles ist erleuchtet: 7/12

3) Keine Angst: 7/12

4) Sirenen: 6/12

5) Lass sie gehen: 9/12

6) Morgellon: 10/12

7) Wo die Maden graben: 9/12

8) Deborah: 12/12

9) Meine Kündigung: 11/12

10) Flackern, flimmern: 10/12